Zeitgenoessische Kunst Serbien

Thursday, July 20, 2006

Lela Vujanić über Zampa die Leone

Zampa di Leone
Er erhitzt die Gemüter und hat eine riesige Verwirrung in den Kreisen der serbischen Kunst- und Medienaktivismus-Szene ausgelöst, aber auch darüber hinaus.


Es schreibt: Lela Vujanić

Zampa di Leone - Mythos, Internet-Spuk, Comic Held der neuen Zeit, Cyber-Terrorist oder Kunst-Fake? Er meldet sich überraschend zu Wort als Zeuge einer Zeit, in der Kunst gleichbedeutend mit kulturellem Kapital und Hyperproduktion sinnloser Arbeiten geworden ist und die aktivistische Aktion sich auf das endlose Applizieren bei Fonds und Geldgebern beläuft. Während „gewöhnliche Leute“ mühsam Ihr Stück vom Kapital zu ergattern versuchen, haben sich die Aktivisten und zeitgenössischen Künstler den gleichen Zielen verschrieben, nur dass sie sich ausgefeilteren Methoden bedienen. In der Konsequenz haben sowohl Kunst als auch Aktivismus jede kritische Schärfe und jeden Wunsch nach Veränderung verloren, der über die Bereiche des Bestehenden hinausgehen würde und werden immer mehr zu elitistischen Salonstücken.

Zampa di Leone ist gegenwärtig der einzige Protagonist in dieser Region, der in einer Kombination aus medialer Subversion, bissigem Spaß, Parodie und scharfer Kritik all das demaskiert, was uns schon immer im Ansatz zweifelhaft war. Zampa di Leone erhitzt die Gemüter und hat eine riesige Verwirrung in den Kreisen der serbischen Kunst- und Medienaktivismus-Szene ausgelöst, aber auch darüber hinaus. Unter Beschuss befanden sich die Ikonen unserer Zeit: Theoretiker wie Negri, Lovink, und Marina Gržinić, bekannte und geschätzte Künstlerinnen wie Marina Abramovič und Tanja Ostojić oder Newmedia-Kollektive und Techno-Optimisten wie Kuda.org. Niemand weiß, wer hinter Zampa steckt – er ist ein unabhängiger Verrückter, von dem alle gehört haben und über den man alles mögliche denkt; doch er existiert als Konstruktion mehrerer Leute, das heißt all derer, die ihn weiterverbreiten. Mit dem Aufruf zu subversiven Aktionen oder Einladungen auf nicht existierende Konferenzen, trägt Zampa, indem er sich auf die Freiheit kollektiver Kreativität verlässt und viele mit anschließt, eine neue, ehrliche und witzige Energie, die zu einer Bewegung anwächst, die kompromisslos mit allen Formen von Fake und Markthierarchie abrechnet.

Was wird über Zampa geschrieben oder
der Mythos von Zampa verbreitet sich:
Zampa di Leone - Review von Marina Gržinić
http://artefact.mi2.hr

Ich muss sagen, das ich mich jedes Mal außerordentlich amüsiere, wenn ich auf die Zampa di Leone-website gehe. Eine so erfrischende Analyse der Lage der Dinge auf dem Balkan ist immer willkommen! Wer Zampa di Leone ist? Ich habe keine Ahnung, obwohl meine Bekannten aus Serbien und Montenegro - und wir spielen alle eine Rolle in Zampa die Leones Comics - den einen oder anderen Namen nennen. Solange Zampa in Form von Comics dazu beiträgt, solide mythologische Erzählungen zu bilden, den Zustand der Kunst hyper-hysterisch infrage zu stellen, einen höllischen Fluss komplizierter Beziehungen zu produzieren und komische, scharfe aber letztendlich nicht verletzende Kritik zu üben, ist mir egal wer verdammt nochmal Zampa ist.

Zampa die Leone, die geheime serbische kunstterroristische Organisation
exklusiv für die Rubrik Glasno http://arhiva.glas-javnosti.co.yu/arhiva/2004/08/01/srpski/G04073-103.shtml
Für die Zeitung „Glas javnosti“ schreibt: Srdjan Djile Marković

Hier spricht Zampa. Was ist serbische Avantgarde-Vasallen-Kunst? Falls sie geglaubt haben, dass Sie blind und glücklich sind und dass Ihnen das ewige Verschweigen helfen wird, zu überleben, nun, hier ist jemand, der Ihnen das nicht durchgehen lassen wird. Zampa di Leone, die serbische kunst-terroristische Organisation ist bereit, die Schreckensherrschaft der Belgrader pro-elitistischen Kritik zu beenden und zeigt, wem eigentlich die serbische Kunst dient, vor allem die, die „geeignet“ ist für ausländische Kuratoren, Ausstellungen im Ausland und für die Programme des Museums für Zeitgenössische Kunst, des (unitaristisch-zentralistisch orientierten) Zentrums für Zeitgenössische Kunst und der Konkordia aus Vrsac, zwei Institutionen, die selbst bestimmen, was und was nicht heute serbische avantgardistische Kunst ist. Das klingt komisch? Das Lachen wird Ihnen vergehen, wenn Sie Zampas Seite besuchen http://zampa.various-euro.com, (die bis jetzt über 10.000 Leute besucht haben) und Zampas Fanzines sehen, die ganz Belgrad übersät haben und die offen alle Ikonen der Belgrader Kunstszene verspotten, indem sie die Absprachen, die unsere Kulturkomissare mit den gutmeinenden Geldgebern aus dem Ausland hinter den Kulissen treffen, zum Vorschein bringen. Exklusiv für Glasno hat diese terroristische Gruppe ihr Manifest zusammengefasst, das wir in ganzer Länge veröffentlichen.

„Ich möchte zuerst klarstellen, dass Zampas Rede nicht eine Sache der serbischen lokalen Szene und ihrer Probleme ist, sondern ein Problem der Kunst und Kultur in der ganzen nicht nur europäischen Region. Das Problem liegt in der TOTALEN Politisierung der Kunst und Kultur und in der Versklavung jedweden Funkens der Kreativität im Elend der hierarchischen Disziplinen und im Irrsinn der turbokapitalistischen Gehirnwäsche. Papa’s Söhnchen sind keine Obsession von Zampa (wie jemand sagt sind wir alle Kinder unserer Eltern) sondern es geht um etwas anderes. Dieses ‚Quasiandere‘ ist der TRABANT, den unsere „curators in transition“ fetischisieren, um bei Soros und der Bundeskulturstiftung den einen oder anderen Euro locker zu machen; das Problem ist diese verlogene Vasallenhaltung und die Unmöglichkeit, sich in Gebiete zu bewegen, die außerhalb des erwarteten und populären sind.

Die jungen Leute sind wie anästhesiert und die Kriterien, mit denen sie das Dasein ermessen, sind katastrophal (natürlich sind nicht alle so). Sie machen sich alles zum Fetisch, was ihnen aus der Popwelt serviert wird. Zampa hat ein Mittel gegen diesen Zustand! Zampa ist hier, weil er diesen Zustand ändern will! Zampa hat schon Einladungen von vielen Kulturinstitutionen bekommen, die seine Aktivitäten institutionalisieren wollen und in kontrollierbare Bahnen lenken wollen, aber das ist unmöglich, denn Zampa funktioniert nicht in einem solchen Wertesystem. Zampa funktioniert aber sehr gut im Internet und im realen Raum mit einer Reihe von Aktionen, die er vorbereitet und die sich schon ereignet haben. Bis jetzt hat Zampa mehr denen aus Westeuropa auf den Zahn gefühlt, aber jetzt ist der Balkan an der Reihe, dass ihm die Augen geöffnet werden. Zampa will die verarschen, die euch verarschen mit all diesem Mist. Und wenn nur einer damit Schluß macht, bei diesem ganzen Scheiß mitzuspielen, hat Zampa gewonnen!!!!!!

Zampa redet vom Vorführen und Zeigen auf UNS und SIE, vom Einteilen der Leute in DIESE und JENE... in die außerhalb der Mauer und die auf dieser Seite, er spricht über den Blick auf den Menschen, über die schrecklichen Dienste derartiger Schizzo-maschinen, von der Unmöglichkeit der Affirmation und von der Schwäche jener Identitäten und übrigen Androiden ausgelöschter Spektakel, denen der Vampir, der sich AKTIVISMUS IN DER KULTUR und ZEITGENÖSSISCHE KUNST nennt, Taufpate steht. Ja, mit einem Wort, Zampa wehrt sich gegen diese beiden Begriffe!!!!

Zampa Lex
Quelle: http://www.indymedia.ch/fr/2004/07/25000.shtml
DIE ERSTE ZAMPA-PHASE DES REISSENS IST ABGESCHLOSSEN.
Zampa hat alle moeglichen Hierarchien, Kultur-, Techno- und Politaktivismen, turbokapitalistischen Festivals und sonstige Manifestationen hungriger Metakonsumentenaersche bis aufs Aeusserste in Gefahr gebracht.
DAS STECHEN GEHT WEITER!
Zampa presst die letzten politisch korrekten Haeute aus. Die Gezaehmten haben ausgeschrien und die new media Aktivisten und die tragischen Soroschanten ihre letzte Traene vergossen. Ihr dreckiges Geschaeft ist ans Licht gekommen: die letzte Parodie der Parodierten, "Projekte" geschuetzt hinter den Kulissen der Hierarchie und der parteiischen Politik der Fonds.
KREPIERT IHR WUERMER! KREPIERT IHR SCHWEINEHAEUTE!!
KREPIERT IHR EKELHAFTEN ROBOTER!!!
ZAMPA WIRD EUCH JAGEN UND VERNICHTEN!!!
All die elendiglichen Foliranten des soziopolitischen Kulturmarkts sind traurige Zeichen fuer den Zustand der allgemeinen Uebereinkunft von Kontrolle, Domestizierung, Repression und anderen beschraenkten Handlungen im Gefaengnis der blind taumelnden Technosinne. Das Ende der aktivistischen Quasimoral gleicht der puritanischen Mentalitaet der Impotenz, wenn mit unerbittlicher Solidaritaet Hacker-Punkte gesammelt werden und das System in den USA durch persoenliches Unglueck eines anderen Ungluecklichen verdammt wird. Solcherart liberale Kaugummis hat der Gruender dieser Tragikomoedie Geert Lovink exportiert.
ABER JETZT IST ES GENUG!!! HAWK! ZAMPA HAT GESPROCHEN!!!
Zampa weiss genau, dass auch in Osteuropa die Scheisse zum Himmel stinkt und das Zermatschen der Wuermer weitergehen muss. All die stigmatisierten Protagonisten (Block, Rottenberg, Vatersoehne, Irwin, Muda.org...) werden weiter entlarvt und demaskiert werden.
DIESES UEBLE GELICHTER WIRD AUF SCHRITT UND TRITT IN DEN ARSCH GEFICKT WERDEN!
Zampa wird gnadenlos sein gegenueber jedem, der Marlboro raucht, Bush anbetet, furzt und ruelpst.
Denn Zampa bereitet sich darauf vor, in der zweiten Phase ihre Plaene im Herzen der Fonds zu vereiteln, sodass die ueble Bande von der Mutterbrust abgetrennt wird.
ERFOLG AUF DER GANZEN LINIE!
Zampa spuckt auf die Termini "East European Art" und aehnlichen Scheiss, denn deren zurueckgebliebene romantische Aura wird mit dem Ziel benutzt, den Hypermarkt zu erweitern und das oekonomische Kulturmodell des Liberoturbokapitalismus durchzusetzen. Kuenstler und Aktivisten sind die bloeden Opfer schmutziger Kampagnen diverser Fonds und new media Agenturen.
ZAMPA WIRD SOLANGE DRAUFLOSSCHLAGEN, BIS SIE SICH NICHT MEHR RUEHREN!!

Artikel aus: 04 Megazin für das Hacking der Wirklichkeit (04 megazin za hakiranje stvarnosti), Doppelnummer 08/09, Juli 2005, Zagrebhttp://04zine.org

Suzana Milevska
Die inszenierte (Un)Sichtbarkeit

[01_2005]
Ausschnitt aus: http://www.republicart.net/disc/artsabotage/milevska01_de.htm

"...Deshalb ist die Unsichtbarkeit als eine bewusste künstlerische Praxis von Anfang an etwas Paradoxes – sie kann keine Strategie sein, die von KünstlerInnen zum Schutz ihrer Integrität oder für die Abschirmung ihrer Ideen gegenüber den Zentren der Macht forciert wird. Im Gegensatz zu einigen riskanten Kunstaktionen und konzepten, die reale Gefahren für ihre AutorInnen mit sich bringen, gibt es oftmals eine Art heimlicher Agenda unter KünstlerInnen oder Möchtegern AktivistInnen: sie ist nicht selten heuchlerisch kalkuliert und zielt darauf ab, die auf Neugier und Erwartung beruhende Energie von Betrachtern auszu-beuten.

Ich möchte kritisch über bestimmte KünstlerInnen und speziell über einige künstlerische Gruppen reflektieren, die mit diesen Strategien liebäugeln, um die begehrte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sobald sie bereit sind, die klandestinen Identitäten ihrer individuellen Mitglieder zu enthüllen, die zuvor unter der Entschuldigung einer hypothetischen Gefahr verdeckt gehalten wurden, legen sie ihre Strategien offen und erlauben es, deren Rafinesse in Frage zu stellen. Dieses Paradox kann am Fall des slowenischen Kunstkollektivs IRWIN von Beginn ihrer Karriere an erforscht werden, oder am Fall von Zampa di Leone (nach wie vor unbekannte/r AutorIn/nen einer künstlerischen Website aus Serbien und Montenegro).
Es handelt sich dabei um einige der wichtigsten Beispiele einer solchen Investition in Unsichtbarkeit im Sinne eines Prozesses, der zu einem unvermeidlich raschen Erfolg führt.

Zampa di Leones Comics-Website Im Arsch des Balkan 2000-2005 verspottet KünstlerInnen und Projekte, darunter bekannte wie die der erfolgreichen Gruppe IRWIN, oder KünstlerInnen wie Tanja Ostojic, Milica Tomic und Uros Djuric bzw. KuratorInnen wie Marina Grzinic und Branko Dimitrijevic. Sie zielt auf eine kulturelle Kritik der Repräsentation der Kunstszene des Balkan in einem westlichen Kunstkontext. Ihre Zeichnungen und ihre Sprache bemühen sich um eine Art subversiven Aktivismus, es lässt sich jedoch eine gewisse Ambiguität in der Haltung erkennen, die Zampa di Leone gegenüber dem Aktivismus einnimmt. Obwohl sie schreiben, dass Im Arsch des Balkan "von dem Phänomen des kulturellen Aktivismus und der künstlerischen Praktiken in der Region des Westbalkan und in Europa in der letzten halben Dekade handelt"(8) , wird ihr ironischer Zugang gegenüber dem Aktivismus in anderen Texten deutlich. Dem klandestinen Autor zufolge erfüllt die Website ihre Mission mit jeder Veränderung der lokalen Situation. Der Begriff des Wandels ist in jedem Fall eng mit dem des Aktivismus verbunden. Es ist offensichtlich, dass nicht das Politische generell Zielscheibe dieses Projekts darstellt, sondern die Kunstpolitik der Kunstszene Serbiens und des Balkans.

Es stellt sich die Frage, ob die Anonymität von KünstlerInnen wirklich notwendig ist und worin die Gefahr besteht, die das Projekt oder die dahinter stehenden KünstlerInnen bedrohen würde. Offensichtlich kann in diesem Fall nur eine einzige Gefahr ausgemacht werden, nämlich die, dass das Projekt nicht in die Art von Ausstellungen aufgenommen wird, die in den Comics vehement kritisiert wurden. Sollten wir den KünstlerInnen Glauben schenken, dass es bereits 10.000 Besucher der Website gab: wahrscheinlich hatte keine der kritisierten Ausstellungen ein dermaßen großes Publikum. Jede Art von Urteil oder Rechtfertigung der Effekte dieser ambivalenten Strategie ist schwierig und problematisch.

Diese ausagierte Dissidentenschaft unter KünstlerInnen stellt ein wohlbekanntes Phänomen in Osteuropa dar. Es verdankt sich den komplexen kulturellen Bedingungen in den kommunistischen und post-kommunistischen Perioden, in denen es schwierig war, zwischen realer und inszenierter Gefahr zu unterscheiden. Die bekannte Aussage von Ranciere, dass es sich bei politischer Kunst immer um eine spezifische Aushandlung nicht zwischen Politik und Kunst, sondern zwischen den zwei Politiken des Ästhetischen handelt – oder die Deleuzianische Behauptung, dass ein wichtiges Merkmal der kleinen Literaturen darin besteht, dass alles in ihnen politisch ist, zählte zur besten Erfahrung unter KünstlerInnen in Osteuropa. Ob abstrakt oder realistisch, jede Kunst von nicht- kommunistischen KünstlerInnen konnte als gegen das kommunistische Regime gerichtet interpretiert werden, eine Interpretation, die sehr ähnlich klingt wie "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns"...."

(8) Zampa di Leone, „In the Arse of the Balkans 2000-2005". http://zampa.various-euro.com

Sezgin Boynik: Lernen vom Underground

1. Von der Haltung lernen

Auch wenn der Underground hermetisch ist, will er die (Mainstream-) Welt um sich herum effektiv verändern. Natürlich wächst diese Effektivität proportional mit dem Potential der Sichtbarkeit des Undergrounds in der öffentlichen Sphäre. Das ist eigentlich eine Utopie, die zu einem gewissen Grad paradox ist und die die vollständige Realisation des politischen und kritischen Programms des Underground verhindert. Wenn Underground effektiv sein will, muss er auf die Stelle des Mainstream zielen, wo Macht (power) versammelt ist, die entweder verändert oder zerstört werden kann. Dass dem Subjekt der Macht eine solche Veränderung widerfährt, ist jedoch ein seltener Fall in der Geschichte des Underground. Warum das so ist, ist unklar, doch sicher ist, dass das erwähnte Paradox einer der Gründe ist, warum ein politisches Programm des Underground unmöglich ist. Jede Manifestation des Underground in der öffentlichen Sphäre (des Mainstreams) führt zu der unvermeidlichen Rekapitulation nach den Gesetzen der Vereinnahmung (recuperation).

Es besteht allerdings ein Fünkchen Hoffnung, dass doch noch jemand aus dem Mainstream vom Underground lernt und seine Haltung verändert. Vielleicht ist das einzige Beispiel für eine solche Veränderung Patty Hearst (aka Tania), die sich nach ihrer Entführung der Stadtguerilla-Bewegung SLA anschloss. Doch dieses sogenannte „Stockholm Syndrome“(1) wird als psycho-pathologisches Phänomen interpretiert. Natürlich war es für viele zu spät, was auch immer vom Underground zu lernen, wie zum Beispiel für den unglücklichen Aldo Moro (2). Nicht zu spät aber war es für Dejan Sretenović, den Kurator des Museums für Zeitgenössische Kunst Belgrad, etwas von dem Hass des Zampa di Leone zu lernen (3):

„... Sehr geehrte Kultur-Arbeiter, Künstler, Kollegen und Freunde; sehr geehrtes Publikum!

Ich arbeite jetzt schon bald 15 Jahre in der Kultur und, kurz gesagt, ich habe die Schnauze voll!!! Diese ganze Kulturpolitik, diese platzierten Parteihengste, perversen Institutionen, Sesselhocker, die Fonds und Stiftungen, das ewige Beinestellen, das alles, meine Lieben, hat jegliches erträgliche Maß überschritten hier in diesem unseren kleinen Serbien. Die ganze serbische Kulturszene ist in ein unerträgliches inzestuöses Fahrwasser geraten und mit tiefster Verbitterung muss ich feststellen, dass das Fass übergelaufen ist.
Aber ich fürchte niemanden mehr! All die Majas, Rankas, Brankas, oder Darkas, die ganzen orthodoxen Pfaffen aus Koštunicas Partei, vom Bürgerbund oder den Radikalen... all die Ambrozićs, Matićs oder Dinkićs... meine Lieben, die können alle abdanken!
Ja! Der Kapitalismus hat abgedankt!
Jeder auf der Welt sieht, dass das Ende des Kapitalismus und des Markts gekommen ist und damit das Ende der Kunst als armseliger kapitalistischer Abfall!
Ich bin glücklich, dass in mir jener ehrliche Punker und Anarchist der Jugendzeit wieder auferstanden ist. Und endlich habe ich kapiert, dass Museen und Bürokraten verrecken müssen.
Dass diese Universitäten in Wirklichkeit eine Lügenwelt sind und dass uns die Reichen am Arsch lecken können.
Und jetzt bin ich sehr glücklich, denn es gibt jemanden der zu allem NEIN gesagt hat! Es gibt ihn und ich bewundere ihn aus ganzen Herzen.
Ja! Zampa di Leone hat recht und ich grüße ihn mit dieser E-mail. Ich entschuldige mich bei ihm, und alle sollen hören, was ich sage: Du hast vollkommen recht, Zampa, denn dieses Bild, das du uns gegeben hast, diese hässlichen Zeichnungen, die aussehen wie das Gekritzel aus öffentlichen Toiletten, diese Intrigen hinter den Kulissen, dieser stumpfe Banalismus... das sind wirklich WIR.
Danke, Zampa, noch einmal für den Spiegel, den du uns vorhältst, danke SEEcult, die all das komplett im Internet veröffentlicht haben. Schaut euch die Seite von SEEcult an, was soll ich noch sagen:http://seecult.org/ipw-web/gallery/ZampaDiLeone
Das sollte jeder gelesen haben, da kann man etwas lernen und versuchen sich zu ändern, denn das, was Zampa di Leone macht, ist wirklich heilsam. Wir müssen diesem hässlichen Spiegel ein Lächeln zeigen und uns vielleicht einer plastischen Operation unterziehen und einen neuen Anfang machen.

Mit den besten Absichten,
Euer
Dejan Sretenović“

Natürlich ist das eine Utopie und natürlich arbeitet Dejan Sretenović noch immer als Kurator am Belgrader Museum. Aber interessant ist die Unmöglichkeit der Lektion, die Zampa di Leone hier parodiert, indem er sie wie eine Strategie des cultural jamming hinstellt. Doch obwohl es nicht möglich ist, gibt es ernsthafte Vertreterinnen der Mainstream-Kultur, die etwas von Zampa di Leone gelernt haben. Zum Beispiel Marina Gržinić, Suzana Milevska, Tanja Ostojić und so weiter...scheinen etwas von Zampas Comics gelernt zu haben, wie es in den E-mails auf den Seiten über Zampa zu lesen ist. Doch das scheint eher die Art von Lektion zu sein, die man vom Habitus lernen kann, so wie Popkritiker Greil Marcus in seinem Buch über Punk und Situationismus „Lipstic Traces“ in den „rrrrr“s von Jonny Rotten die revolutionäre Anarchie sieht. Doch das ist eine Lektion, die Gleichgültigkeit zulässt und die jegliche Radikalität von Anfang an abstumpft, weil sie die gesamte Kritik des Underground auf eine „negierende“ Haltung (attitude) reduziert.

In diesem Zusammenhang ist kürzlich ein Gespräch zwischen den Künstlern Serkan Özkaya und Halil Altindere veröffentlicht worden, in dem beide auf leichte und entspannte Art über ihren apolitischen abgestumpften Radikalismus sprechen, ohne irgendein Paradox zu erwähnen. Jetzt war frische Kritik aus dem anarchistischen Kreis um Süreyyya Evren zu hören, die diese „tödliche Gleichgültigkeit der Kunst“(4) kritisierte. Auch Zampa di Leone hat die ernsthafte Absicht, diese tödliche Gleichgültigkeit und das Paradox des radikalen Mainstream-Künstlers zu kritisieren, indem er in diesem Wunderland der Zeitgenössischen Kunst einen Kurzschluss erzeugt.

2. Von der Geschichte lernen

Die Geschichte von Zampa di Leone ist kurz und noch enger ist der Raum, auf den sie sich bezieht. Das ist größtenteils die Sphäre der zeitgenössischen Kunst und des Aktivismus in der Region des Balkans. Aber die Aktivitäten von Zampa fanden zur rechten Zeit am rechten Ort statt und sind deswegen zu Geschichte geworden. Sie entstanden in einem Moment, in dem eine Tradition erfunden werden sollte und haben diesen Versuch, Geschichte zu konstruieren, auf brillante Art negiert. Die Rede ist vom ersten Fanzine Zampas, „Im Arsch des Balkans“(5), in dem er die Mode der Balkanisierung einer bestimmten künstlerischen Praxis parodiert. Es gab viel Kritik an den Ausstellungen zeitgenössischer Kunst des Balkans, die gefeierte Kuratoren wie Harald Szeemann und Rene Block organisierten. Eigentlich könnte eine einfache Analyse zeigen, dass zwischen den alten national-faschistischen Repräsentationen des Balkans in Europa und den aktuellen Praxen der ästhetisierten Politik dieser geschätzten Kuratoren direkte Verbindungen bestehen. Das kann entweder (mit Block) anhand der Imagination Karl May’s bewiesen werden, die auch Hitler immer wieder begeisterte, oder (mit Szeemann) anhand der erfundenen Etymologie des Wortes Balkan, die sich zwischen den Karikaturen von Emir Kusturica und Christian Rosenkreuz befindet.

Zampa di Leone ist sich dieser Paradoxa bewusst und er operiert erfolgreich nach Art eines lautstarken Heuchlers. Die Hauptakteure der Balkanisierung werden als finsterste Gesellen, als Vampire, Zombies, Würmer, etc. dargestellt. Mit dieser Übertreibung der Situation ist es Zampa gelungen, eine Störung in der freudigen Geschichte der Balkanisierung hervorzurufen (es heißt, dass etwa 10 000 Besucher auf seiner Seite waren). Er hat es geschafft, Gegen-Geschichte im Experiment der ästhetischen Formulierung des Balkans zu schreiben und das ist vielleicht das, was Maria Todorova am Ende ihres Buches vorausgesehen hat, nämlich dass „Europa, so wie es den Frauenhass geschaffen hat, auch den Feminismus geschaffen hat und so wie es den Balkanismus geschaffen hat, auch den Anti-Balkanismus schaffen wird .“ Natürlich ist es zu früh und übertrieben zu behaupten, dass es Zampa di Leone gelungen sei, anti-balkanische Geschichte zu schreiben, aber sein Fanzine mit 8 Seiten ist das einzige Phänomen, das auf offensichtlichste, brutale und schonungslose Art einen Kurzschluss in der fröhlichen Kanonade erzeugen konnte.

Ein anderer Aspekt von Zampa und anderen Underground-Phänomenen bezieht sich auf deren direkte Umgebung, in diesem Falle auf Belgrad und die dortige Kunstszene. Kurze (aber wahre) Anekdoten über die Szene, die für Zampa ein „nationalfaschistisches- arschleckendes- kapitalistisches- turboarmseliges Spektakel“ ist, werden auch nach vielen Jahren in Erinnerung bleiben, wenn Zampa di Leone seine Aktualität verloren hat und zu einer Kuriosität der Anti-Geschichte des Undergrounds geworden ist. Zampa karikiert hier die Situation der zeitgenössischen künstlerischen und aktivistischen Szene, die besonders ambivalent ist, wenn es sich um politische Problematiken handelt. Das Symbol dieser Ambivalenz in den Zeichnungen von Zampa di Leone ist der Kurator Branislav Dimitrijević, genannt „Vaters Sohn“(6). Man kann ohne Übertreibung sagen, dass Vasif Kortun (Istanbul), Mika Hannula (Helsinki) und Branislav Dimitrijević (Belgrad) die Situation einer Kultur der Ambivalenz darstellen, die in ihren Aussagen in öffentlichen Diskursen durchaus radikal und kritisch ist, aber gleichzeitig absolut etablierte Mainstream-Praxis darstellt und unvermeidlich auf Kollaboration mit korporativer Macht und konservativen Fonds basiert. Dieses Phänomen breitet sich immer mehr aus und führt in eine immer größere Schizophrenie. Es wird immer mehr Beispiele wie Charles Esche geben, für die radikale Politik einzig und alleine die Toleranz und Gastfreundschaft in den Institutionen der Zeitgenössischen Kunst bedeutet. Das ist eine radikale Politik, die zum Mehrwert des Kapitals geworden ist und die sich zufällig auch nach der Politik der Institutionen richtet. Diese chaotische Situation scheint es zu sein, die Zampa am allermeisten stört.

3. Von der Strategie lernen

Zampas Strategie basiert auf der alten situationistischen Devise: „Die Schande noch größer machen“(7). Auch wenn wir aus Zampas Geschichte gelernt haben, dass ihn die schizophrene Ambivalenz in der Kultur stört, ist uns doch nicht klar, welche für ihn die richtige Alternative ist. Auch ist uns nicht ganz klar, welche seine Haltung ist, die das Potential haben könnte, so etwas wie das „rrrrrr“ in der „Anarchie“ von Johnny Roten zu sein. Es gibt den Versuch, die Strategie von Zampa zu analysieren. Die mazedonische Kuratorin Suzana Milevska tut dies in einem Text (8), in dem sie die politische Paralyse in den radikalen künstlerischen Praxen ex-Jugoslawiens untersucht. Sie steht auf dem Standpunkt, dass Zampa di Leone und IRWIN (?!) den nicht-öffentlichen Diskurs darstellen, der im ambivalenten System der sozialistischen Selbstverwaltung Jugoslawiens allgemeine Praxis war. Sie kritisiert so die Strategie der Anonymität und Unsichtbarkeit Zampas als Simulator der Paralyse im öffentlichen Raum der Kultur. Die Autoren von Zampas Comics sind unbekannt oder genauer gesagt bis zu einem gewissen Grad unbekannt. Aber diese Anonymität steht in keiner Hinsicht in Beziehung mit dem paralysierten kulturellen Raum. Zumindest gibt es keinerlei historische Verbindung, denn Zampa ist nicht in den 90er Jahren entstanden, als der Eskapismus die allgemein akzeptierte Taktik der zeitgenössischen Kunstszene Serbiens war, sondern 2003, als politische und öffentliche Kunst die populäre Kunst-Praxis war.
Die Anonymität von Zampa di Leone ist eher eine Strategie gegen den Kompromiss und die Leichtigkeit des „everything goes“. Zum Beispiel fand es die Künstlerin Tanja Ostojić nicht unangenehm von Zampa parodiert zu werden und druckte die Karikatur in ihrem Buch „Strategien des Erfolgs“ ab. Dies ist vielleicht eine andere Seite der Ambivalenz der zeitgenössischen Kunst, die am besten durch das alt-marxistische Schimpfwort des Opportunismus charakterisiert werden kann.

4. Von der Semiotik lernen

Im allgemeinen ist die Sprache des Underground so hermetisch, dass wir gezwungen sind, mit ihrer Struktur zu sprechen. Aber dennoch gibt es etwas, dass sich Freud'scher Versprecher nennt, und davon gibt es viele in den schnell gezeichnete Comics von Zampa di Leone. Die Versprecher von Zampa enthüllen etwas, dass auf eine seltsame Weise „balkanisch“ ist. Indem Zampa die paradoxe zeitgenössische Kultur in Serbien und ihre Verbindung mit westlichen Fonds und Institutionen kritisiert, reproduziert er etwas, das allgemein zum öffentlichen Diskurs vielleicht ganz Serbiens gehört. Das kann man zum Beispiel an der Parodie des Magazins „Prähistorische Flash-Art“ und des „Bulgarischer Katalogs der Soros Produktion“ sehen, die sich im Bücherregal von Muda.org (Kuda.org) befinden. Das gleiche Phänomen wiederholt sich in dem Comic „Letzte Sorosiade in Budapest“, wo ein ungarischer Zöllner Branko Dimitrijević „Die Scherpe des Albanischen Soros“ verleiht und wo (wiederum) Muda.org um den Preis des bulgarischen Soros bettelt; oder wenn Dr. Agan den Anus der „B92-Test-Maschine - Spende aus Norwegen“ passiert und auf ihn der große Preis des neuen rumänisch-slowakischen Euro wartet. Das vielleicht bildhafteste Beispiel ist der Trabant mit der albanischen Flagge.

Hier akzeptiert Zampa di Leone eine Sprache, die dem nationalistischen Diskurs sehr nah ist und die gleichzeitig anti-globalistisch, anti-opportunistisch, national-paranoisch und männlich (das ist sehr augenfällig bei Zampa) ist: kurz gesagt „balkanisch“, wie der Soziologe Rastko Močnik in seinem Text über die Produktion des Mechanismus des Balkanismus (9) analysiert hat. Genauso bekommt die serbische Kunst als „Vasallentätigkeit“ von Zampa die gleiche Kritik, die Soros-Stiftungen in den ultra-nationalistischen Kampagnen bekamen. Trotzdem ist es unzutreffend zu sagen, Zampa stelle eine nationalistische Kritik der zeitgenössischen Kunst dar. Durch diese semiotischen Versprecher kann man erkennen, dass Zampa di Leone eigentlich das Spektakel in einer Gesellschaft kritisiert, in der „die Teilung noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hat“ (10). Die Politik von Zampa könnte man eher als politisch nicht korrekt beschreiben, denn als nationalistisch. Unkorrekte Politik in einer unkorrekten Situation! Das ist die gleiche eigenartige unkorrekt-reale Politik, die zum Beispiel aus einem Graffiti in Belgrad spricht: „Wenn der Staat gut wäre, hätten auch die Zigeuner einen.“

5. Von der recuperation lernen

Das ist eine Lektion für Zampa di Leone, die er anscheinend noch nicht bekommen hat. Aber wie wir aus der Geschichte des Underground gelernt haben, ist es nur eine Frage der Zeit, wann wir einen Hochglanz-Katalog des Opus von Zampa di Leone zu Gesicht bekommen.


(1) Mehr dazu in dem Artikel „Revolutionary Will vs. Stockholm Syndrome“, Magazin on the Image of Girls in Radical Politics #1 fanzine, Prizren, 2005.
(2) Der italienische Ministerpräsident Aldo Moro wurde am 1978 von den linksterroristischen Roten Brigaden (Brigate Rosse) entführt.
(3) Folgender Text kursierte als E-Mail Anfang 2005 in den Mailinglisten diverser Kulturinstitutionen.
(4) Süreyyya Evren, Sanatci Olmak, „Künstler werden“, Birgun, Istanbul, 26. März 2006
(5) Zampa di Leone, „In the Arse of the Balkans“ http://zampa.various-euro.com
(6) Milica Tomić, die sich zwischen partisanischer Radikalität und Turbo-Folk-Nationalität bewegt, ist das ausdrucksstärkste Beispiel dieser Ambivalenz in Zampas Comics.
(7) horrorkatze (die vielleicht in Verbindung mit Zampa stehen) haben den Text „Realisation of Situationist Projections“ veröffentlicht in: OUT1 Magazin, April 2004, Novi Sad und „art-ist“ Magazin, Juni 2004, Istanbul.
(8) Suzana Milevska, „Die inszenierte (Un)Sichtbarkeit“, Januar 2005 http://eipcp.net/transversal/1202/milevska/de
(9) Im Text „Institution Balkan“ gibt Rastko Močnik reichliche Beispiele zu diesem Mechanismus des Balkanismus, der sich auf den Balkanismus anderer gründet und der auch nicht-balkanische Länder anstecken kann. Auf diese Weise werden alle Länder balkanisch. Zum Beispiel: „...jene, die Kroatien auf dem Balkan zurückdrängen wollen“ (Franjo Tudjman, HTV, 4.8.1996), „Sogar Rumänien lacht über uns“ (Titel in der Zeitung: Kontinent, Sofia, 22.11.1996), „Sogar in Albanien nennen sie jetzt Idioten 'Bulgarische Heizung'“(24 casa, Sofia, 14.12.1996), und so weiter...
(10) Man kann sagen, dass diese Art des Spektakels mehr dem diffusen Spektakel entspricht, das Debord in „Kommentare zur Gesellschaft des Spektakels“ formuliert hat. Aber trotzdem ist es klüger, eine weitere Diskussion darüber nicht fortzusetzen, denn das kann zu einer Relativierung des politischen Raums führen, der sich latent nationalistisch definiert im Sinne von „für uns ist eine andere Theorie nötig“.